Elternbrief

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern,

heute ist der Welttag des Buches, und ich möchte diesen Tag, an dem die Menschen in Katalonien einander Rosen und Bücher schenken, zum Anlass für einige grundsätzliche Bemerkungen zu der Mediathek nehmen, deren Aufbau der Schulverein durch Ankäufe von Filmen, CDs und eben auch einer großen Zahl von Büchern aus Privatbesitz unterstützt hat.


Beginnen will ich dabei mit der in den vergangenen Wochen immer wieder aufgeworfenen Frage, wozu man in unserer Zeit noch gedruckte Bücher braucht, wo doch vermeintlich alles in digitaler Form ganz einfach zugänglich ist. Diese Frage unterstellt aber, dass es keinen Unterschied macht, in welcher Form man ein Buch liest, und diese Unterstellung ist nicht nur in meinen Augen ungerechtfertigt: So hat etwa die amerikanische Leseforscherin Maryanne Wolf auf der Grundlage ihrer umfangreichen, jahrzehntelangen Forschungen plausibel gemacht, dass zentrale, für alle wichtigen Betätigungsfelder des Menschen und sein berufliches Fortkommen unverzichtbare Kompetenzen wie die Fähigkeit, Bilder in unserem Inneren entstehen zu lassen, uns in die Gedanken und Empfindungen anderer hineinzuversetzen, unser Hintergrundwissen zu aktivieren und zu erweitern, zu analysieren, Analogien zu bilden, Schlussfolgerungen zu ziehen und kritisch und kreativ zu denken, neuronal nur durch – und zwar vertieftes Lesen gedruckter Bücher ausgebildet werden. Die Ergebnisse einer Studie, bei der die eine Hälfte einer Gruppe von Studierenden eine Kurzgeschichte auf einem Kindle, die andere dieselbe Kurzgeschichte als Taschenbuch las, hat entsprechend gezeigt, dass die Gruppe, die das Taschenbuch gelesen hatte, besser in der Lage war, die Handlung in chronologischer Reihenfolge wiederzugeben und sich auch besser an Details erinnerte. Ein Grund dafür ist Tatsache, dass wir beim Lesen gedruckter Bücher etwas berühren, denn diese Berührung liefert eine Zusatzinformation, die zu unserem Verständnis des Gelesenen beiträgt, weil mit zunehmendem Wissen über ein Wort die Aktivierung unseres Gehirns zunimmt und damit wiederum die Zahl der verfügbaren Bedeutungsebenen. Beim Lesen auf Digitalgeräten dagegen, das haben Untersuchungen der Augenbewegungen ergeben – und das kann jeder auch an sich selbst überprüfen -, folgen die Augen vielfach einem F- oder Zickzack-Muster, sodass hier das überfliegende Lesen der Standard ist. Hinzu kommt, dass zu den Grundbedingungen des vertieften Lesens Störungsfreiheit und Konzentration gehören – und beides kaum gewährleistet ist, wenn auf digitalen Medien immer wieder Informationen und Nachrichten eingespielt werden, die von der Lektüre ablenken.

Eine weitere Bedingung vertieften Lesens sind jedoch Texte, die die neuronalen Netzwerke  ansprechen, die für unser Vorstellungsvermögen, für Empathie, Analyse und Kreativität zuständig sind. Das kann jeder nachvollziehen, der z.B. die vielleicht beste Kürzestgeschichte liest, die Ernest Hemmingway je geschrieben hat – „For sale: Baby shoes, never worn“ -, und beobachtet, was diese Kürzestgeschichte an Bildern vor seinem inneren Auge entstehen lässt, wie er beginnt, die Situation zu rekonstruieren und sich die Empfindungen der Betroffenen auszumalen. Darin liegt denn auch schon eine Antwort auf eine zweite Frage, die in den vergangenen Wochen immer wieder zu hören war: wozu es nämlich einer Schulbibliothek bedarf. Eine solche Bibliothek bietet qualitativ hochwertige Werke, die von Menschen ausgewählt werden, die sich beruflich mit den Voraussetzungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten ihrer Leserinnen und Leser beschäftigen und sie aus langjähriger Erfahrung kennen. Anders als die unüberschaubaren Bestände großer Staats- oder Seminarbibliotheken, die sich häufig nur der erschließen, die bereits weiß, was sie sucht, sind die von Schulbibliotheken überschaubar und auf deren Nutzerinnen zugeschnitten – und sie sind auf kurzem Weg erreichbar! Wer also im Unterricht neugierig auf einen bestimmten Autor geworden ist oder eine Frage vertiefen möchte, die erörtert wurde, der muss nur auf dem Weg nach Hause in die Schulbibliothek gehen und kann sich dort – kostenlos – die entsprechende Literatur ausleihen. Er erwirbt sich dadurch genau die vertiefte Allgemeinbildung, deren Vermittlung ein wesentliches Element gymnasialer Bildung ist! Außerdem können auf diese Weise Begabungen geweckt und gefördert werden, derer man sich in der Regel ja erst aufgrund äußerer Anregungen bewusst wird.

Was aber vielleicht am wichtigsten ist: Ein Ziel nicht nur gymnasialer Bildung, sondern von Bildung überhaupt ist die Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben, und ein solches Leben ist nur da möglich, wo man sich und seine Empfindungen versteht, verschiedene Standpunkte kennt und entsprechend bewusst wählen kann. Nur wer Alternativen zu seiner Sicht auf die Dinge kennt, kann sich wirklich für sie – oder eben eine andere Sicht entscheiden, und nur wer seinen Standpunkt hinsichtlich seiner Entstehung und seiner Bedingungen versteht, kann sich wirklich mit ihm identifizieren. Bücher aber mit der schier unendlichen Vielfalt an Erfahrungen und Sichtweisen, die sie beinhalten, ermöglichen all‘ das, wenn man ihnen nur etwas ungestörte Zeit widmet und sich in sie vertieft! Ralf Rothmanns Othello für Anfänger vermag einem dann die unwiederbringliche Trauer zu erschließen, die sich einstellt, wenn mit der Schulzeit auch eine Freundschaft endet; Horst Bredekamps Antikensehnsucht und Maschinenglauben kann uns bewusst machen, dass die für uns selbstverständlichen Ordnungsprinzipien keineswegs ohne Alternative sind, und Georg Büchners Danton uns in unserer Abneigung gegen die grausame Dummheit von Ideologien bestärken – und das sind nur drei von vielen tausend Titeln, die in unserer Schulmediathek entliehen werden können, sobald sie alle erfasst sind und die interessierten Schulgemeinschaftsmitglieder gemeinsam ein Nutzungskonzept entwickelt haben!

Ich wünsche euch und Ihnen in diesem Sinne ein erholsames Wochenende!

Herzliche Grüße

Joachim Hagner