Märchen sind nur etwas für Kinder? Von wegen.
Zum Abschluss des S1 setzte das Kulturprofil ein ebenso ungewöhnliches wie stimmungsvolles Zeichen und lud zu einem dänisch-schwedischen Abend mit filmischem und literarischem Smörgåsbord. Neugierig geworden?
Im Mittelpunkt standen die kreativen Adaptionen der Märchen von Hans Christian Andersen – von „Die Prinzessin auf der Erbse“ über „Die Schneekönigin“ bis hin zu „Das hässliche Entlein“. Die Texte und Filme sind Ergebnisse einer fächerübergreifenden Klausurersatzleistung der Fächer Deutsch und Bildende Kunst des Kulturprofils. Ein besonders gelungenes Ergebnis finden Sie im Anschluss an diesen Text. Wer neugierig auf die entstandenen Ultrakurzfilme ist, sollte sich schon jetzt die Finissage im April 2027 vormerken. Der skandinavische Schwerpunkt hatte gleich zwei Gründe: Dänemark lieferte die literarische Inspiration, Schweden verweist bereits auf die kommende Kursfahrt nach Stockholm im nächsten Jahr. Und noch etwas durfte nicht fehlen: das Smörgåsbord selbst – die schwedische Variante eines Buffets, reich gedeckt mit allerlei Köstlichkeiten, die nicht selten großzügig mit Zucker und Butter verfeinert sind. Ein Abend, der zeigt: Märchen sind weit mehr als nur Kindheitserinnerung – sie bleiben im besten Sinne zeitlos.
Heidi Schönfeldt, Tutorin des Kulturprofils S2

Die Stille dazwischen
Ein Text von Sophie Rempe, inspiriert von H.C. Andersen
Manche Dinge verschwinden nicht, nur weil man aufhört, sie anzusehen. Sie ziehen sich zurück, stellen sich an den Rand, warten. Geduldig. Und irgendwann melden sie sich wieder – nicht laut, nicht fordernd, sondern so, dass man ihnen nicht mehr ausweichen kann.
Mona hatte lange geglaubt, Wegsehen reiche aus. Dass man Gefühle ablegen könne wie Kleidung, Erinnerungen verstauen wie alte Kartons. Die Unruhe in ihr, dieses leise Zittern unter der Haut, ließ sich dämpfen. Nicht besiegen, aber beruhigen. Sie hatte gelernt, die Kanten ihres Lebens glattzuschleifen, bis nichts mehr schmerzte – und nichts mehr wirklich berührte. Es war kein Glück, das sie suchte. Es war Ruhe. Und Ruhe versprach Sicherheit.
Die Stadt kannte sie gut. Nicht als Namen, sondern als Bewegung. Als jemanden, der da war, ohne Spuren zu hinterlassen. Früher hatte sie dazugehört. Nicht auffällig, nicht im Mittelpunkt, aber eingebunden. Gespräche hatten Platz für sie gehabt, Blicke hatten sie gehalten. Doch nach und nach verschob sich etwas. Es war kein Bruch, kein Moment, auf den man hätte zeigen können. Eher ein leises Verrücken der Ordnung. Erst hörten die Nachrichten etwas später auf zu kommen. Dann wurden Einladungen vager. „Mal sehen.“ „Vielleicht ein andermal.“ Mona bemerkte es an den Pausen. An den Blicken, die kurz an ihr hängen blieben und dann weiterzogen. An Gesprächen, die langsamer wurden, sobald sie sich dazugesellte. Die Menschen zogen sich nicht zurück – sie rückten nur ein Stück näher zusammen. Und Mona blieb außen.
Sie redete sich ein, es liege an den anderen. Später wusste sie, dass es auch an ihr lag. An dem Abstand, den sie selbst mit aufgebaut hatte. Die Sucht war kein Eindringling gewesen. Sie war ein stiller Mitbewohner, der immer mehr Raum einnahm. Sie ordnete die Gedanken, glättete die Tage, machte die Nächte erträglich. Mona funktionierte. Sie lachte an den richtigen Stellen, erschien zuverlässig, ließ sich treiben. Niemand fragte nach. Und sie selbst auch nicht. Die Sucht kam nicht wie ein Sturm. Sie kam wie ein Nebel. Und Nebel bemerkt man oft erst, wenn man sich verlaufen hat.
Mit der Zeit verlor die Welt an Schärfe. Stimmen klangen gedämpft, Gesichter wurden austauschbar. Begegnungen hinterließen keine Spuren mehr. Mona bewegte sich durch ihren Alltag wie durch Glas: alles sichtbar, nichts erreichbar. Die Stadt rauschte um sie herum, und sie ging mit – ohne wirklich beteiligt zu sein. Irgendwann begann auch die Stadt, sich von ihr zu lösen. Türen schlossen sich nicht, sie blieben nur länger zu. Gespräche endeten früher. Vertrauen wurde vorsichtiger. Mona merkte, dass sie langsam aus dem Bild fiel. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Wie jemand, der im Wasser steht und erst spät merkt, dass der Boden nicht mehr trägt.
Sie nahm es hin. Vielleicht, dachte sie, war es einfacher so. Die Abende wurden länger, die Nächte dichter. Die Stadt spannte ihre Lichter wie ein Netz über die Dunkelheit, und Mona bewegte sich darin sicher. Sie kannte ihre Wege, wusste, wo man nicht auffiel. Alles lief automatisch. Bis es das nicht mehr tat.
In den letzten Wochen regte sich Widerstand. Kein lauter, kein entschlossener – eher ein leises Drängen. Die Dämpfung ließ nach. Gedanken kehrten zurück, Gefühle meldeten sich ungeordnet und roh. Mona spürte, dass sie an einem Punkt stand, den sie lange umgangen hatte. Sie war noch abhängig. Aber sie hielt es kaum noch aus.
An diesem Abend wirkte die Stadt klarer als sonst. Die Kälte schnitt scharf, die Straßen lagen hart unter ihren Schuhen. Licht fiel aus Fenstern und Schaufenstern und teilte die Dunkelheit in helle Flächen und tiefe Schatten. Mona ging langsam, den Mantel geschlossen, die Hände tief in den Taschen. Sie hatte kein Ziel. Und genau das machte sie nervös. In ihr zog etwas. Kein akutes Verlangen – eher eine Erinnerung an Bewegung. Wie eine Stimme, die leiser geworden war, aber nicht verstummt. Sie wusste, dass sie nicht aufgehört hatte. Aber sie wusste auch, dass sie nicht mehr so weitermachen konnte.
Als sie vor einer großen Glasfläche stehen blieb, geschah das ohne bewusste Entscheidung. Der Blick hob sich von selbst. Das Glas war kühl, glatt, dahinter ein heller Raum. Ordnung. Struktur. Dinge an ihrem Platz. Und dazwischen: ihr Spiegelbild. Mona trat näher. Ihr Gesicht lag im Licht, der Hintergrund verlor sich. Sie sah sich an, länger als sonst. Die Augen wirkten wach, angespannt, fast prüfend. Da war Müdigkeit – und etwas Neues. Ein Widerstand, der sich nicht mehr wegdämpfen ließ.
Sie dachte an die vielen Versionen von sich. An die Mona, die geglaubt hatte, jederzeit aufhören zu können. An die Versprechen, die sie sich selbst gegeben und immer wieder verschoben hatte. Nicht aus Schwäche, sondern aus Angst. Angst vor der Leere, die kommen würde, wenn die Betäubung wegfiel. Die Sucht war nie nur Flucht gewesen. Sie war auch Halt. Etwas, das Struktur gab, wenn alles andere unsicher war. Genau das machte sie so gefährlich. Und so schwer loszulassen.
Im Glas lag kein Urteil. Keine Vergangenheit. Nur sie selbst – jetzt. Und zum ersten Mal wich Mona nicht aus. Sie blieb. Sie hielt den Blick aus. Vielleicht, dachte sie, begann Zugehörigkeit nicht dort, wo andere einen aufnehmen. Vielleicht begann sie dort, wo man sich selbst nicht mehr verlässt.
Ihr Atem zeichnete sich kurz auf dem Glas ab, dann verschwand er. Ein flüchtiges Zeichen. Aber es reichte. Mona wusste, dass sie noch nicht frei war. Dass der Weg vor ihr unruhig und brüchig sein würde. Doch sie wusste auch: Sie hatte aufgehört zu fliehen.
Sie trat zurück, dann noch einen Schritt. Die Straße nahm sie wieder auf. Menschen gingen vorbei, Lichter flackerten, die Stadt lebte. Mona ging weiter. Langsam, bewusst, ohne Eile. Nicht zurück in das Alte. Noch nicht angekommen im Neuen. Aber zum ersten Mal auf dem Weg in eine Gesellschaft, die nicht laut war – sondern ehrlich.